„Nach einem warmen Winter: Der südliche Auwald im März“ von Matthias Ladusch

Der Märzenbecher (Leucojum vernum) ist schon verblüht. Blick in die hängende Becherblüte aus der Froschperspektive.

Der Märzenbecher (Leucojum vernum) ist schon verblüht. Blick in die hängende Becherblüte aus der Froschperspektive.

Mit der Witterung des zurückliegenden Winters und auch dem zeitigen meteorologischen Frühjahr (ab 1. März) scheint der eigentliche Klimawandel schon vollzogen zu sein. Fast nur in den Nächten fiel die Temperatur unter null Grad. Was ist das für ein Gegensatz zum letzten Jahr! Sicher, ein Winter sagt nicht viel. Aber sollte der Klimawandel in Mitteleuropa nicht mit kälteren Wintern verbunden sein? Das haben jedenfalls Publikationen von Klimatologen in renommierten Zeitschriften schon 2010 beschrieben: https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/2010/erderwaermung-koennte-winter-kaelter-werden-lassen. Ein paar kalte Winter der vorangegangenen Jahre liefern aber auch keinen wissenschaftlichen Beleg, bestenfalls Stoff für Vermutungen.
Da scheint mir die Theorie der Nordatlantischen Oszillationen eher zu passen: http://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Kalte_Winter_in_Europa.
Es wird wohl immer ein Problem bleiben, aus unserer zeitlich begrenzten und auch subjektiven Perspektive konkrete und zutreffende Vorhersagen der Klimaänderungen abzuleiten.
Die Natur des Auwalds kommt mit dem fehlenden Winter aber gut zurecht. Im Februar herrschte noch weitgehend Stille, aber nun mit dem März bricht die Vegetation auf.

Ein besondere Lichtstimmung im sonnenbeschienen Auwald des zeitigen Frühjahrs. Noch blühen die Märzenbecher (Leucojum vernum) am 14. März. Eine Woche später sind sie schon verwelkt.

Ein besondere Lichtstimmung im sonnenbeschienen Auwald des zeitigen Frühjahrs. Noch blühen die Märzenbecher (Leucojum vernum) am 14. März. Eine Woche später sind sie schon verwelkt.

Nur die Märzenbecher begannen bereits Ende Februar zu blühen, können aber auch nicht, wie 2013 durch Schneefall gebremst, bis in die dritte Aprilwoche über anderthalb Monate Blühdauer durchhalten. Tatsächlich sehe ich am 20. März nur noch verwelkte Blüten.

Andere Frühblüher wie der Wald-Gelbstern, das Buschwindröschen, das Echte Lungenkraut sind bereits vor Wochen nachgerückt und der kalendarische Frühlingsanfang zeigt uns jetzt schon Scharbockskraut, Waldveilchen und das Gelbe Windröschen.

Der Bärlauch steht schon gut im „Blatt“, seine Blüten werden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Auch die Bäume und Sträucher schieben wie Holunder und Hainbuche schon die Blätter heraus.

Das Echte Lungenkraut (Pulmonaria officinale) an der Batschke.

Das Echte Lungenkraut (Pulmonaria officinale) an der Batschke.

Am 20. März ist auch schon das Scharbockskraut (Ranunculus ficaria) aufgegangen.

Am 20. März ist auch schon das Scharbockskraut (Ranunculus ficaria) aufgegangen.

Jetzt in den Auwald zu gehen, wird wohl jeden animieren, es die nächsten Tage zu wiederholen. Die sichtbaren Wechsel in der Vegetation und in der zu beobachtenden Tierwelt haben ein hohes Tempo. Ich gehe immer wieder gerne den Floßgraben, die alte Batschke im südlichen Auwald ab. Noch sind die Kronen offen und die Sonne erwärmt den Boden. Die Frühblüher entfalten sich.

Der Blick in die laubfreien Äste und in den Himmel erlaubt ganz andere Beobachtungen. Das metallisch scharfe „pix“ verweist auf Gruppen von Kernbeißern. Um sie in den offenen, hohen Baumkronen näher betrachten zu können, möchte man schon ein Fernglas dabei haben. Mit ihrem mächtigen Schnabel öffnen sie leicht die Früchte der hier vorkommenden Laubbäume (z.B. Eschen, Ahorn und Rotbuche) als eine beliebte Nahrungsquelle. Mäusebussarde kreisen und die bereits schon brütenden Kolkraben mit ihren markanten Rufen fliegen über die Wipfel. Beide Arten nutzen die Thermik bei Sonnenschein und einmal war ich überrascht, als ich den Kolkraben in über 500 m Höhe nur noch als Punkt sehen konnte. Dieser Vogelart sagt man einen offenbaren Spaß am Fliegen nach. Ich beobachtete recht nah auch einen Rotmilan in einer Baumkrone, der von Rabenkrähen attackiert wird. Dadurch ist er mir überhaupt erst ausgefallen. Ich vermute, dass er in der Nähe brüten wird. Erlenzeisige fallen in größeren Schwärmen in den Kronen ein. Als Kurzstreckenzieher sind sie noch auf dem Weg. Ansonsten ist man von Kohl-, Blau-, Schwanzmeisen umgeben, hört die schmetternden Gesänge des Zaunkönigs und des Buchfinks und sieht immer wieder das Rotkehlchen im Unterholz. Es singt jetzt sogar in der Tagesmitte. Jetzt zum kalendarischen Frühlingsanfang ist schon der Zugvogel Weidenlaubsänger zurückgekehrt und sein zweiter Name „Zilpzalp“ wird bei seinem noch etwas zögerlichen Gesang verständlich. Singdrossel und Kleiber sind immerfort zu hören. Ich beobachte am Floßgraben einen Stieglitz mit einem Schnabel voll mit gesammeltem, faserigen Nistmaterial. Das wäre für diese Vogelart sehr zeitig. Normal ist es jetzt eher für die Rabenkrähen, von denen ich durch die offenen Baumkronen ein Paar beim Nestbau in einer Schwarzpappel beobachte.

Typisch für das Frühjahr im Auwald sind auch die Trommelserien von Spechten. Es vergehen kaum 10 Sekunden und man hört von nah und fern die kurzen lauten Wirbel auf trockenen, starken Ästen alter Bäume. Die Spechte scheinen in ihrem Revier die toten Äste an Eschen und Eichen auszutesten und besonders die zu bevorzugen, die zum erzeugten typischen Trommelwirbel in bester Resonanz laut mitschwingen und die deshalb den Schall weit verbreiten können. Auch nicht unwichtig scheint zu sein, an welcher Stelle der Ast angeschlagen wird. Die vier trommelnden Arten (Grün- und Mittelspecht tun es kaum) kann man an Schlagfrequenz und Dauer der Serien unterscheiden, das setzt aber Erfahrung voraus.
Was mich aber besonders bei diesem Spaziergang interessiert: Wie steht es um die Eisvögel? Der letzte Winter war für diesen Standvogel mit Sicherheit kein Problem. Auch langsam fließende Gewässer wie der Floßgraben konnten nicht zufrieren. Bei allen meinen Begehungen von Anfang bis Mitte März erlebte ich die Vögel mit ihren typischen Rufen und sah sie auch den Flusslauf entlangschießen. Einmal beobachtete ich drei Vögel bei aufgeregten Verfolgungsjagden. Offenbar sind es hier wieder zwei Brutpaare, die um ihre Reviergrenze streiten. Nun, am 20. März ist es ruhiger, vielleicht hat die Brutzeit schon begonnen. Die Begehung des Floßgrabens wird bald gesperrt und der Bootverkehr reduziert werden müssen.
Was aber jedem Spaziergänger im südlichen Auwald zwischen Floßgraben, Pleiße und Wildpark auffallen muss, sind umfangreiche Baumfällungen. Beim genauen Hinschauen sieht man, dass es sich fast ausschließlich um Eschen und auch noch um große Exemplare handelt. Das geschah in guter Absicht für den Auwald. Die Stieleiche wird im Auwald immer mehr von der Esche verdrängt und die Fällungen sollen dieser typischen Auwald-Eiche wieder bessere Chancen verschaffen. Breite Rückegassen zum Abtransport der tonnenschweren Stämme hinterlassen aber ihre Spuren, die wohl jedem Auwaldbesucher auffallen und Sorgen machen. Man muss nun der Natur vertrauen, dass sie bald wieder zuwachsen und nicht durch andauernde Benutzung das Wegenetz weiter verdichten. Wer weiß schon, dass im Ratsholz Wildschweine und Rehe ihren Tageseinstand haben? Diese finden hier keine Ruhe, wenn die Rückegassen begangen oder mit Mountain Bikes befahren werden.
Freuen wir uns auf die wechselvolle Zeit des Frühjahrs im Auwald.

Matthias Ladusch

Auwald am Floßgraben zum Frühlingsanfang. 180°-Panorama mit Blick in den Auwald bei den ersten, südlichen Mäandern der Batschke.

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