Wenn ein Bürgermeister in den Auwald fährt…

Unterschiedliche Sicht der Umweltverbände einerseits und der Stadt Leipzig anderseits auf den Leipziger Auwald. Der Diskussion um das Projekt „Lebendige Luppe“ incl. seiner Anschubfinanzierung in Höhe von 10 Mio. € sowie der fehlenden Folgefinanzierung liegt ein (fehlende) Grundsatzdiskussion über die Funktion des Auwaldes zu Grunde. Das Grundproblem liegt in den unterschiedlich definierten Zielen: Auwald, Artenvielfalt, Erholungswald, Wirtschaftswald, Hochwasserpolder. Die alle miteinander zusammenhängen – können. Oder auch jedes für sich betrachtet ein Ziel darstellen kann. Diese Sichtweise würde jedoch dem ökologischen System Auenwald nicht gerecht werden (können).

Umweltverbände und Stadt sprechen schlicht keine gemeinsame Sprache.

Die Umweltverbände haben mit der Stadtverwaltung Gespräche erkämpft, deren Ergebnis schlicht damit zusammengefasst werden kann, dass die Umweltverbände sagen, aus unserer Sicht bedarf es für den Erhalt und die Wiederherstellung des Auwaldes „X“ und die Stadt sagt: Selbstverständlich meine Damen und Herren, wir machen gemeinsam „Y“!

Es gibt Treffen zwischen der Stadtverwaltung (Amt für Stadtgrün- und Gewässer)  und den Umweltverbänden, die jedoch nicht regelmäßig sind und i.Ü. der zuständigen Amtsleiterin beispielsweise mit den Worten kommentiert werden: Bezug nehmend auf Ihre Mail zur Dynamisierung der Leipziger Nordwest-Aue betreffend – möchte ich Ihnen mitteilen, dass mir die Ergebnismitschrift der AG Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung vorliegt und die darin getroffenen Absprachen für mich verbindlich sind.“ Sich zu treffen und einen Dialog auf Augenhöhe und mit Respekt zu führen, kann dasselbe sein – muss aber nicht. Vorliegend eher nicht. Hinzu kommt, dass diese Treffen gar von der Amtsleiterin selbst als Arbeitsgemeinschaftstreffen zur  „Dynamisierung der Leipziger Nordwest-Aue“ im April geschaffen wurde.

Erhaltung des Waldes als Auwald, Erhaltung und Verbesserung der Artenvielfalt, Wirtschaftswald, Urwald und Erholungswald sind Schlagworte einer Diskussion, die gerade nicht geführt wird. Weshalb die Frage erlaubt und gestellt sein muss: Was ist „zielführend“? Eine Frage, die eine Zieldefinition voraussetzt. Und die Frage aufwirft, wer dieses Ziel definiert und auf welchem Weg zu diesem Ziel gelangt wird. Soll der Auwald als Auwald erhalten bleiben, ist das Projekt „Lebendige Luppe“ allein nicht „zielführend“. Ist Ziel die Wiederherstellung des Auwaldes als eben dieser. Der auch eine Funktion als Hochwasserschutz und Erholungswald inne hat? Oder dient der Wald lediglich als grüne Staffage für einen Massentourismus, der, soweit es seine Gewässer betrifft, auch noch motorisiert erfolgen soll? Um darüber hinaus als Holzlieferant einer Wald-“Wirtschaft“ zu dienen?! Eins Sichtweise, die anscheinend die der Stadtverwaltung ist.

Für der Erhalt, respektive die Wiederherstellung, als Auenwald, bedarf es als Grundlage einer Anhebung des Grundwasserspiegels und der regelmäßigen Überflutung. Allgemein wird wohl nicht das Ziel sein, ein Artenvielfalt-Disneyland zu errichten, das nicht nur einer 10 Mio. € schweren Anschubfinanzierung, sondern darüber hinaus einer regelmäßigen weiteren Folge-Finanzierung bedarf.

Bisher sind 10 Mio. € Steuermittel für eine künstlich geschaffene Artenvielfalt gesichert. Die Folgefinanzierung keineswegs. Darüber hinaus, wird diese Finanzierung nachhaltig geschädigt durch die weitere Vertiefung der Sohle der Neuen Luppe und der damit verbundenen weiteren Absenkung des Grundwasserspiegels und somit der weiteren Entwässerung des Auwaldes. Womit das Primärziel – Erhaltung des Auwaldes als Auwald – nicht nur in Frage gestellt wird , sondern von vornherein als aussichtslos angesehen werden muss. Weshalb 10 Mio. € Grundfinanzierung nebst (ungesicherter) Folgefinanzierung in den Sand gesetzt sind.

Dieses zu eruieren wird durch das UFZ ein Monitoring durchgeführt.

Monitoring – die Geheimwaffe der Umweltbehörde. Mit dem Monitoring wird festgestellt, das und was schiefläuft. Um danach festzustellen, dass tatsächlich etwas „schiefgelaufen“ ist, mithin die gewünschten Ziele nicht zu erreichen sind. Allerdings auch, dass nun – leider, leider – nichts mehr zu ändern ist. Sachzwänge stünden dem im Wege! Weshalb man sich diese Kosten auch sparen kann. Nüchtern betrachtet.

Sieht man die Kosten für das Projekt „Lebendige Luppe“ und das hierfür durchzuführende Monitoring allerdings als Begleitmusik, um Kritiker ruhig zu stellen und das Projekt als Placebo ungestört durchzuführen, sind diese Kosten natürlich notwendige Kosten. Schließlich kann die Stadt Leipzig mit dem Projekt ihren vermeintlichen Willen, etwas für den Auwald tun zu wollen, dokumentieren und vor allem argumentieren, die eigentlich gewollten Ziele umzusetzen. Nach dem Motto: Wenn man das Eine tut („LL“), kann man auch das andere tun (WTNK).

Oder um es mit Axel Prahl zu sagen: „Bla, bla, bla, Keine Angst, das sind doch alles nur Worte – kommunikative Lingualcholera…“ Nicht zuletzt, durch den Hinweis des „Umwelt“-Bürgermeisters, dass es sich beim Auwald nicht um einen Urwald, sondern einen Wald handele, der auch eine Erholungsfunktion besitze (was i.Ü. ein wesentliches Argument der Umweltverbände ist, den Auwald als solchen zu schützen, das sich der Bürgermeister nunmehr versucht anzueignen, um damit bewusst die Umweltverbände als diejenigen hinzustellen, die dem Bürger diese Funktion des Auwaldes entziehen wollen), wird impliziert, dass ein Urwald diese Erholungsfunktion nicht besitze. Was natürlich schlicht falsch ist, wie mehrere Nationalparks die zum Teil auch „Urwälder“ sind, und selbstverständlich von Erholungssuchenden genutzt werden, nachdrücklich beweisen.

In einem Urwald ist – oder besser einem sich selbst überlassenem Wald kann man – allerdings u.a. keine Wald-„Wirtschaft“ betreiben und man kann die Gewässer auch nicht für eine motorisierte Bootsnutzung ausbauen.

Was wiederum die Frage nach dem Ziel und danach, wer dieses Ziel wie definiert, aufwirft. Und erklärt, weshalb 10 Mio. € fremde Steuermittel in die Hand genommen werden. Nämlich um ganze andere Ziele, wie z. Bsp. einen motorisierten Gewässerverbund oder eine Wald-“Wirtschaft“ durchzuführen, zu ermöglichen, in dem man auf ein „sowohl-als-auch“ (Auwald und massentouristische, motorisierte Nutzung) hinweist.

Was Unsinn ist, da dieses „sowohl als auch“ in konkreto weder möglich noch gar nötig ist.

Kommentar Olaf Maruhn, NuKLA

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