NuKLA Aueninstitut S.A.M. informiert zum sog. Eschentriebsterben

      

NuKLA-Aueninstitut S.A.M.

Leipzig, 06.10.2017

Informiert zum sog. „Eschentriebsterben“

Lebewesen können krank sein und an Krankheiten sterben. Doch bis es dazu kommt und bis gar eine ganze Art ausstirbt, weiß die Natur sich vielfältig zu wehren. Selbst die „Schaderreger“ profitieren davon, wenn die befallenen Wirte überleben – das Ergebnis ist die friedliche Koexistenz von Erreger und Wirt. Das ist natürliche Evolution! Die braucht kein Eingreifen, sie braucht nur eines: Zeit. Es sei ans „Ulmensterben“ erinnert: Wir können auch im Leipziger Auwald sehen, dass die Ulmen keineswegs ausgestorben sind. 1970 bis 1980 gab es bzgl. der Ulmen allenthalben Panik, wie sie derzeit um die Esche kursiert und z.T. regelrecht betrieben wird. An den Ulmen konnte​ und kann​ man sehen, dass die alten Exemplare fast alle verschwunden sind, doch ständig, schon während des Befalls, kamen junge Ulmen nach, die sich vermehrten, die wieder starben und sich vorher erfolgreich vermehrt hatten! Die Ulmen leben also weiter, sie sind aus den Schlagzeilen heraus, die Forschungsprojekte dazu ​nicht mehr aktuell; im Leipziger Auwald sehen wir reichlich Exemplare der Feld- und Flatterulme, vereinzelt auch der Bergulme: sie kommen wieder – trotz des „Ulmensterbens“.

Wir könnten also ​endlich auch in der Waldpflege ​die Chancen der Heilung betonen und diese ermöglichen, um starke, widerstandsfähige Bäume zu bekommen, ganz ohne kostenintensive und die natürlichen Prozesse störende Maßnahmen. Letztlich ist es DAS, was Natur uns lehren will. Dieses Potenzial hat die Esche ebenso​, von der es gerade heißt, sie sei vom „Eschensterben“ betroffen. Wir neigen zu derlei Panik erzeugender Diktion, denn vor Jahren hieß es auch, der gesamte Wald würde sterben – das „Waldsterben“ hat die Menschen elektrisiert. Doch seit Jahren schon ist es aus den Schlagzeilen, die Vorräte an Holz nehmen i.n Deutschlands Forsten zu

Nun ist es also an ihr, der Esche: Vertrauen wir darauf, dass sich die Eschen erfolgreich mit dem Schadpilz auseinandersetzen können und sich durchsetzen werden! Das können die ​sehr vielen jungen und reichlich imposanten sehr alten ​Eschen auch im Leipziger Wald nur, wenn wir sie leben und über-leben lernen lassen​!​ Nur lebend können sie die Erreger erkennen, die sie irritieren, Abwehrstoffe einsetzen und ​

Abwehrstrategien finden, um sich dann erfolgreich im Wald-Ökosystem durch zu setzen. Deshalb müssen befallene Eschen stehen bleiben, sofern sie nicht direkt an viel begangenen Wegen stehen! Wir dürfen ihnen zumuten, den Kampf selbst würdig durchzustehen! Erst recht aber müssen gesunde alte Eschen stehen bleiben (es sind keineswegs alle Eschen befallen!), um ihr womöglich bezogen auf diesen Schadpilz resistentes Erbgut weiter zu geben.

Gehen wir also zu einer Tagesordnung über, wie die Natur sie nahelegt! Und ändern wir die Bezeichnung des Geschehens, indem wir die Panikzone verlassen und von einer Eschenkrankheit ​sprechen, ​statt vom „-sterben …“. G​eben wir der Esche die Gelegenheit, sich mit dem Erreger auseinander zu setzen. ​Verfahren wir genau wie bei Menschen, denen wir bei Erkrankung Ruhe für die Wiederherstellung der Kraft ermöglichen. Es ist bekannt, dass wir die Erreger niemals ausrotten können, das geht erst recht nicht bei Pilzen, deren Sporen allgegenwärtig sind. ​Der Umgang der Eschen mit dieser Erkrankung kann im Leipziger Auenwald ebenso studiert werden wie inzwischen europaweit. ​Beenden wir es, Panik zu schüren und Eschen deshalb einzuschlagen ​ – das ist aussichtslos als Mittel der „Schadensbekämpfung“, denn die Kronen der gefällten Bäume bleiben liegen​.

Erst recht ist die Entnahme gesunder alter Bäum​e ​im stadtnahen Leipziger Auwald nicht gerechtfertigt: Starkbäume sind sowohl für die Ökologie des Waldes als auch für das Glück der Erholung suchenden Menschen​ und die Reinigung der in Leipzig besonders belasteten Atemluft bedeutsam und verdienen besondere Wertschätzung. Die Axt und die kreischende Motorsäge dürfen ruhen!

Und noch etwas: Die Eschenkrankheit wird verursacht durch einen „Ausländer“ (Pilz) in einem Wald. In einem Wald, den Ausländer (wir Menschen) „bauen“ zu müssen glauben – obwohl Bäume seit 400 Mio Jahren ihre Waldökosysteme​ selbst erschaffen. Sie üben sich darin an den verschiedensten Standorten der Erde, lange bevor das den Menschen möglich war! Wir alle dürfen immer noch mehr vom Wald lernen als er von uns.

Prof. Dr. Bernd Gerken

​NUKLA Sächsisches Aueninstitut für Mitteldeutschland S.A.M.

04157 Leipzig

Video: Esche-und kein Sterben: Wenn Evolution zur Provokation wird

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