Jagd_Fee Försterin, Bloggerin, Aktivistin und Studentin

Sehr geehrte Frau Brauwers,

da ich gestern die Podiumsdiskussion Wald im Rahmen der Grünen Woche besuchte und etwas erschüttert über u.a. auch Ihre Ausführungen war, möchte ich Ihnen hiermit einige Zeilen schreiben. Bei facebook habe ich nun auch Ihren jüngsten Eintrag gefunden. Ich selbst bin bei facebook nicht angemeldet (und werde das auch nicht mehr ändern), daher kann ich dort auch keinen Kommentar hinterlassen. Wenn Sie mögen, dürfen Sie aber gerne meine Zeilen dort einfügen zur Vervollständigung der Meinungsvielfalt, die facebook ja auszeichnen soll.

In Ihrem facebook-Eintrag sprechen Sie von einer Diskussion auf Augenhöhe. Diese Augenhöhe konnte ich bei der Diskussion ehrlich gesagt aber gar nicht erkennen. Der kleine Ausfall bei Ihrer Äußerung zum Totholz ist sicherlich verschmerzbar, kann bei einer solchen öffentlichen Diskussion mit Medienmitschnitt mal vorkommen (ich gehe mal davon aus, dass Sie eigentlich etwas anderes sagen wollten), aber leider habe ich über die gesamte Diskussion hinweg nur sehr wenig Fachlichkeit Ihrerseits erkennen können. Und dieser Eindruck ändert sich auch nicht, wenn ich Ihre facebook-Einträge durchgehe. Im Gegenteil. Sie sprechen sich für fachlichen Austausch und gegen ideologische Grabenkämpfe aus. Und ich finde dann auf Ihrer facebook-Seite jede Menge Holzlobby-Populismus und Polemiken, die an Unsachlichkeit kaum zu überbieten sind. Einen besonderen “Höhepunkt” hatte Herr Professor Ibisch ja auf dem Podium gezeigt, worauf dort und bei den Menschen, die in meiner Nähe saßen/standen, eine größere peinliche Berührtheit unverkennbar war. Ein weiterer peinlicher “Höhepunkt” Ihr Touché zu der Hassrede (anders kann man diese ja nicht bezeichnen) eines Herrn Salm, der Peter Wohlleben als den Trump des Waldes bezeichnet. Haben Sie sich mit der Gedankenwelt eines Herrn Trump eigentlich überhaupt beschäftigt? Er steht für maximale Ressourcenausbeutung, Umweltzerstörung und privatisierten Maximalgewinn, während Herr Wohlleben sich für den bestmöglichen Erhalt der Waldökosysteme, die Sie studieren, engagiert, also auch für Ihre Zukunft. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Polemiken, aber diese hier sind einfach nur dumm. Bedenken Sie, dass Diffamierungsversuche häufig nur zu einem führen, nämlich zur Selbstdiffamierung.

Anscheinend haben Sie sich mit Waldökologie kaum beschäftigt? Denn dann müsste Ihnen doch klar sein, dass Holzwirtschaft (wenn überhaupt angesichts des Klimawandels) zukünftig nur noch in stabilen, resilienten Waldökosystemen möglich sein wird. Wälder gibt es seit Jahrmillionen und sie sind die besten Anpassungssysteme, sonst gäbe es sie nicht mehr. Der Klimawandel bringt natürlich besondere Risiken mit sich, das ist keinesfalls zu vernachlässigen. Aber eine gute Portion Demut gegenüber den sich seit Jahrmillionen entwickelten Selbstregulierungsmechanismen von Wäldern ist sicherlich sehr angebracht. Somit sind m.E. auch fremdländische Baumarten wie Douglasie (der geht es übrigens beileibe nicht mehr überall gut in den deutschen Forsten, recherchieren Sie mal darüber) oder Roteiche mit großen Risiken behaftet, sind sie doch in das Gesamtökosystem nur schlecht eingebunden und somit gegenüber neuen Bedrohungen (z.B. Kalamitäten) schlecht gerüstet (zudem das Thema Biodiversitätsschwund als globale und generationenübergreifende Bedrohung). Ich möchte an dieser Stelle jetzt aber nicht weiter ausholen …

Vielleicht ergibt sich für Sie ja mal die Gelegenheit, Vorlesungen von Professor Ibisch zu besuchen. Dies hier mal als kleinen “Appetitanreger” (ein sehr interessanter Vortrag von ihm): https://www.youtube.com/watch?v=XljRSfAhBRs
Als Studentin haben Sie ja auch gute Möglichkeiten, sich den wissenschaftlichen Arbeiten, auf die sich Peter Wohlleben bezieht, ausführlicher zu widmen. Das könnte für Sie vielleicht auch sehr spannend sein. Ich weiß, viele Förster fühlen sich von Peter Wohlleben ungerecht behandelt und über einen Kamm geschoren, was sicherlich auf den ersten Blick verständlich erscheint. Andererseits versteht sich Peter Wohlleben mit vielen Förstern, die naturnahe Forstwirtschaft betreiben (z.B. in Lübeck), sehr gut und wird von denen sehr geschätzt. Es gibt auch viele Förster, die die ihnen anvertrauten Wälder lieber besser behandeln würden als es ihnen von Oben aufgetragen wird; auch die fühlen sich durch einen Peter Wohlleben eher unterstützt. Es heißt so schön: “Getroffene Hunde bellen”. Und wenn das Gebell derartig laut ist, wie sich das in der Realität derzeit zeigt, und was Sie mit Ihrer facebook-Seite sogar noch befeuern, dann frage ich mich doch ernsthaft, ob das vielleicht so ungerecht gar nicht ist…

Frau Brauwers, Sie sind noch sehr jung, wie Sie selbst richtig bemerkten auf dem Podium. Sie wird der Klimawandel noch mit einer viel größeren Wucht treffen als mich und die Herren auf dem Podium (leider sieht es politisch momentan trotz FFF nicht so gut aus, dass die Menschheit die Kurve noch halbwegs bekommt bzw. zumindest nicht im völligen Chaos versinkt). Ich kann Sie nur ermutigen, sich mit diesen Sachverhalten und den vielen wissenschaftlichen Beiträgen und Forschungsergebnissen, die es schon gibt (Herr Professor Ibisch hatte dies ja sehr schön dargelegt gestern), ausführlicher auseinander zu setzen als Sie dies womöglich bislang getan haben.

Und seien Sie bitte vorsichtig, wenn Sie von einflussreichen Interessensvertretern und Lobbyisten (diese wollen vorrangig ihre eigenen Pfründe sichern, typisch für die vielfach und leider auch zu recht vielfach gescholtenen “alten weißen Männer”) hofiert und in die breitere Öffentlichkeit erhoben werden (was sicherlich sehr verführerisch ist, ohne Frage). Ich möchte Ihnen zum Schluss noch ein Büchlein empfehlen, was sich sehr mit den Themen Nachhaltigkeit, Kimawandel, Wachstumswahn und auch den eigenen Spielräumen und Handlungsoptionen beschäftigt. Das Buch “Selbst denken – Anleitung zum Widerstand” von Harald Welzer. Widerstand auch in dem Sinne, dass Widerstand häufig auch Widerstand gegen sich selbst sein kann, sein muss, denn der Gefahr eigener dogmatischer Erstarrung ist jeder Mensch ausgesetzt, und das nicht erst im Alter.

Vielleicht können meine Zeilen für Sie ja eine kleine Denkanregung sein. Ich würde mich freuen.

Viele Grüße von Axel Schmoll

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