Fachdiskussion zur Forstwirtschaft

Die nachfolgenden Schriften wurden von verschiedenen Fachleuten im Zusammenhang mit der Stadtratsabstimmung zum Leipziger  Forstwirtschaftsplan 2019/20 verfasst und bilden die sich deutlich unterscheidenden Positionen ab, welcher Art forstliche Eingriffe in den Schutzgebieten des Leipziger Auwaldes oder naturnahen Wäldern überhaupt  zulässig/”notwendig” wären bzw. zwingend zu unterbleiben haben.

Offensichtlich wird, dass die Position, die NuKLA vertritt und seit Dezember 2018 als ultima ratio mit der GRÜNEN LIGA Sachsen via Gericht eingeklagt, keineswegs die laienhafte Ansicht eines querständigen und sich den in Leipzig herrschenden wissenschaftlichen Erkenntnissen aus purer Wutbürgermentalität widersetzenden und fachlich völlig isoliert stehenden Vereins ist. Es gibt eine Reihe fachkundigerFörster, Forstingenieuer, Waldökologen oder Biologen, die, z.T. schon seit Jahrzehnten eine Wende im Umgang mit unseren für die Biodiversität, das Klina, den Wasserhaushalt und die Menschen so kostbaren Wäldern einfordern. Ein Vorstoß in diese Richtung der naturnahen und das Ökosystem Wald respektierenden Waldnutzung Ende des vorigen Jahrhunderts wurde von der Lobby der Holzindustrie und der privaten Waldbesitzer umgehend mit der massiven Industriealisierung der Holzgewinnung beantwortet: Die Zerschneisung der Wälder mit Rückegassen alle 20 Meter und der Einsatz schweren Gerätes veränderten die Dimensionen der Eingriffe und damit deren fatale Auswirkungen auf die Waldökosysteme expotentiell.

Lesen Sie dazu auch an dieser Stelle gern noch einmal den Brief an Julia Klöckner (Offener Brief an J. Klöckner) mit der Mahnung der zahlreichen UnterzeichnerInnen, auf die gegenwärtige Situation der Plantangenwälder besonnen und mit der Natur vertrauenden, das Waldökosystem respektierenden und stärkenden Maßnahmen, statt mit massenhaft neuen Pflanzungen womöglich auch noch völlig standortfremder Baumarten zu reagieren. Die zahlreichen Unterschriften aus ganz Deutschland zeigen, dass die von der Forst- und Holzwirschaftslobby in der Öffentlichkeit lancierten Argumente keineswegs die einzigen sind, mit denen man den derzeitigen Herausforderungen – die das Ergebnis 200jähriger Forstwirtschaft mit künstlich gepflanzten Monokulturflächen sind und die durch die klimatischen Veränderungen lediglich verstärkt, jedoch keineswegs verursacht werden, denn den naturnahen Wäldern geht es nach wie vor gut! – begegnen kann. Leider schließen sich selbst, aus welchen Gründen auch immer, viele Naturschutzverbände ganz unbefangen diesen als “alternativlos” deklarierten, bei genauem Hinsehen aber ausschließlich wirtschaftlich begründeten Handlungsrichtlinien an. Ein Trauerspiel der ganz besonderen Art.

Die Texte sind chronologisch geordent: die Reihenfolge (von oben) ist die Folge ihres Entstehens. D.h., die neuesten Texte finden Sie hier ausnahmsweise immer unten.

1. Brief von Prof. Bernd Gerken und Johannes Hansmann an die Leipziger StadträtInnen vor der Abstimmung zum FWP 1919/20:

Bezugnehmend auf:

  • Die Bemerkungen zur Femelwirtschaft und Mittelwaldumwandlung im Leipziger Auwald als praktizierte Methoden zur Eichenverjüngung von Prof. Dr. Pierre Ibisch und Dipl. Forst-Ing. Karl-Friedrich Weber vom 04.12.19
  • Die schriftliche Stellungnahme des Dipl.-Biologen Stefan Michel zur Begründung des Forstwirtschaftsplans durch den umweltpolitischen Sprecher Michael Neuhaus vom 04.12.19
  • Den Artikel „Streit um Baumfällungen im Leipziger Auwald geht weiter“ am 05.12.19 in der LVZ

Sehr geehrte Stadträte und Stadträtinnen der Stadt Leipzig,
in Anbetracht der öffentlichen Diskussion bitten wir Sie darum, den Forstwirtschaftsplan 2019 abzulehnen.

Warum?

Es bestehen eindeutig fachliche Differenzen bei Wissenschaftlern und Naturschützern. Dieses sollte ordentlich in einem der fachlich schwierigen Sache angemessenen Diskurs und ohne zeitliche Anspannung geklärt werden. Auch wenn einige Wissenschaftler der festen Überzeugung sind, mit den geplanten forstwirtschaftlichen Methoden würde man das Beste für einen deutschlandweit, vielleicht weltweit einzigartigen Auenwald tun, bedeutet dies nicht, dass dem so ist. Nicht nur wir, Prof. Dr. Bernd Gerken und Johannes Hansmann, haben sehr starke, fachliche Bedenken. Auch andere Wissenschaftler und Naturschützer sehen den Forstwirtschaftsplan äußerst kritisch. Wir könnten es nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, wenn wir Sie nun nicht nochmals bäten, diesen Plan abzulehnen.

Lesen Sie hier den gesamten Text


2. Disskussionspapier “Reiner Prozessschutz gefährdet Artenvielfalt im Leipziger Auwald” der Leipziger WissenschaftlerInnen um Prof. Wirth als Reaktion auf 1.


Hinweis: um die ganze Disskussion zu lesen, klicken Sie einfach auf das Bild.


3. Bemerkungen zur Femelwirtschaft und Mittelwaldumwandung im Leipziger Auwald als praktizierte Methoden zur Eichenverjüngung

Von Prof. Dr. Pierre Ibisch und Dipl. Forst-Ing. Karl-Friedrich Weber als Reaktion auf 2.

Der Leipziger Auwald steht als FFH-Gebiet „Leipziger Auensystem“ und EUVogelschutzgebiet unter europäischem Naturschutz. Nach der Grundschutzverordnung bestehen die Erhaltungsziele u.a. in der Bewahrung und Entwicklung eines günstigen Erhaltungszustands der FFH-Lebensräume Hartholzauwald und Sternmieren-EichenHainbuchenwald einschließlich der charakteristischen Artenzusammensetzung sowie in der Erhaltung der mitteleuropäisch bedeutsamen naturnahen Flussauenlandschaft von Elster, Pleiße und Luppe. …

Lesen Sie hier den gesamten Text


4. Antwort von Stefan Michael an Prof. Wirth per Mail als Reaktion auf 2.

“Sehr geehrter Herr Wirth, sehr geehrte Mitautorinnen und -autoren, Damen und Herren im Verteiler,

da Sie, Herr Wirth, das Papier „Reiner Prozessschutz gefährdet Artenvielfalt im Leipziger Auwald“ als Diskussionspapier an eine große Runde gesendet haben, möchte ich meine Gedanken zu diesem ebenfalls dieser
Runde zur Diskussion stellen.

Kurz zu meiner Person: ich bin Diplombiologe, studiert an der MLU Halle mit Schwerpunkt Pflanzenökologie/Geobotanik sowie Tierökologie, Geographie und Geologie. Damals habe ich mich auch mit der Saaleaue bei Halle befasst. Ich habe meine Diplomarbeit vor 25 Jahren in einem Eichen-Hainbuchenwaldgebiet im Spannungsfeld von Forstwirtschaft und Naturschutz angefertigt und hatte als Mitarbeiter des damaligen STUFA Leipzig in den 1990ern auch mit dem Leipziger Auenwald dienstlich zu tun. Unter anderem ging es 1997 um die Bewertung von Auenwaldflächen hinsichtlich ihrer Naturschutzwertigkeit und ich habe die Gelegenheit genutzt, mir einiges anzusehen. Nun sind viele Jahre vergangen, aber Auenwälder sind ja zum Glück Systeme, die sich langsam verändern, auch bei veränderten Umweltbedingungen. In zwei Exkursionen 2019 konnte ich mich im Gebiet der Burgaue davon überzeugen. Daher denke ich, fachkundig mich zu der Thematik äußern zu können.

Im angehängten Dokument meine Kommentare!

Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Michel”

Lesen Sie hier die Kommentare von Stefan Michel


5. Diskussion zum Buch und Film “Das geheime Leben der Bäume” von Peter Wohlleben

https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/SWR2-Forum-Das-unheimliche-Leben-der-Baeume-Der-Hype-um-den-Wald,swr2-forum-2020-01-17-100.html


6. Videos “Die Waldretter” insbes. Video 5 zur naturnahen Forstwirtschaft in Lübeck: https://www.arte.tv/de/videos/090604-005-A/die-waldretter/


7. Das Schreiben von Prof. Pierre Ibisch

Dieses Schreiben überreichte Herr Prof. Ibisch der Ministerin Frau Julia Klöckner am 23.01.2020 im Rahmen einer Podiumsdiuskussion auf der Grünen Woche zum Thema Wald.

Vorab die Aussage P. Ibisch’s selbst über diese Veranstaltung:

“Ich habe mich in der Diskussion über selektive und unangemessene Nutzung von Wissenschaft beklagt und forderte eine unabhängige und schonungslose Analyse des Zustandes des Waldes und der Ursachen. Um die vielen Einzeldebatten loszuwerden, bei denen die andere Seite regelmäßig nicht davor zurückschreckt, auch populistisch und lügend vorzugehen, brauchen wir eine Zusammenschau der vorliegenden Befunde und Erfahrungen – zusammenzutragen mit größerer wissenschaftlicher Beteiligung. Ich fordere ein nationales Waldgutachten, das mindestens Konsens und Dissens dokumentiert und sowohl Wissen als auch Nichtwissen reflektiert. Zu allen Themen – von Kohlenstoffspeicherung bis Totholz, von Befahrung bis Bedeutung von Symbiosen etc. Das gibt es bisher nicht…”

Diese Forderungen unterstützt NuKLA ausdrücklich!

Es folgt der eigentliche Brief:

“Sehr geehrte Frau Ministerin Klöckner,
der Wald ist ein komplexes und bislang nur teilweise verstandenes Ökosystem, dem es nicht gut geht. Bezüglich des Ausmaßes und der Gründe für den schlechten Zustand gibt es divergierende Befunde und Positionen. Ebenso differieren die Positionen zu den möglichen Strategien des Umgangs mit der Krise. Dies ist angesichts diverser fachlicher Disziplinen und auch der gegebenen Partikular- und Gemeinwohl-Interessen und wegen einer extremen Unsicherheit bzgl. der zukünftigen Entwicklung durchaus verständlich. Das Waldmanagement im Klimawandel erfordert allerdings ein strategisches Zusammenwirken aller Kräfte auf der bestmöglichen Wissensgrundlage.

Es ist deshalb die Frage zu klären, wie im Rahmen eines strategischen Prozesses zur angemessenen Analyse der derzeitigen Waldkrise und ihrer Ursachen sowie der Erarbeitung von Strategien für einen zukunftsfähigen Wald die Beteiligung aller relevanten Ressorts, aber auch der relevanten Wissenschaftsbereiche und Akteursgruppen sichergestellt werden kann.
Der grundsätzlich ergebnisoffene und fortgesetzte Prozess für eine angemessen umfassende und komplexe Waldstrategie sollte so organisiert werden, dass eine hinreichende und echte Partizipation von Akteursgruppen erfolgt. Dabei sollten Partikularinteressen nicht auf der gleichen Ebene von Gemeinwohlinteressen betrachtet werden.”

Lesen Sie hier den gesamten Brief


8. Position zum (wissenschaftlichen) Umgang mit Büchern und Filmen von und über Peter Wohlleben

Zitat aus eine PM verscheiner Wissenschaftler: “[…] Phänomene in Peter Wohllebens Buch und seinem Film sind durch wissenschaftliche Fachpublikationen untermauert. Entsprechend verwundert die anhaltende starke Kritik seitens einiger ForstwissenschaftlerInnen und forstlich geprägter Publizisten (z.B. Süddeutsche Zeitung vom 22.1.2020: „Im Märchenwald“). Tatsächlich ignorieren die KritikerInnen aktuelle Forschungsbereiche und deren Ergebnisse. Sie agieren damit in bedenklichem Maße unwissenschaftlich […]”

Die vollständige PM inkl. Unterschriften und Literaturverweisen finden Sie hier.

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